Running

Achillessehnenriss: Was Läufer wissen müssen

Eine Achillessehnenruptur kann deine Laufkarriere auf Monate stoppen. Hier erfährst du, wie sie entsteht, wie du Warnsignale erkennst und wie Rückkehr wirklich funktioniert.

Close-up of a runner's tensed Achilles tendon mid-stride on a track in warm golden light.

Was beim Berlin-Marathon wirklich passiert ist

Wer das Zielband beim Berlin-Marathon 2023 gesehen hat, vergisst diesen Moment nicht so schnell. Tigst Assefa lief mit einem Weltrekord ins Ziel – trotz einer vollständigen Achillessehnenruptur. Mediziner und Laufexperten weltweit rieben sich die Augen. Wie ist das überhaupt möglich?

Die kurze Antwort: Adrenalin, Wettkampfmodus und eine außergewöhnliche Schmerztoleranz. Die längere Antwort macht deutlich, warum Assefas Fall ein absoluter Ausreißer ist und warum du als Freizeitläufer niemals versuchen solltest, dieses Beispiel zu kopieren. Eine Achillessehnenruptur gehört zu den schwersten Verletzungen im Laufsport. Wer sie ignoriert, riskiert dauerhafte Schäden.

Ihr Beispiel hat aber zumindest eines geschafft: Die Achillessehne steht wieder im Mittelpunkt der Laufdiskussion. Und genau das ist der richtige Zeitpunkt, um zu verstehen, was hinter dieser Verletzung steckt – damit du sie erkennst, bevor sie dich aus der Bahn wirft.

So entsteht eine Achillessehnenruptur beim Laufen

Die Achillessehne ist die dickste und stärkste Sehne im menschlichen Körper. Sie verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein und überträgt bei jedem Schritt immense Kräfte. Beim Laufen wirken auf sie Belastungen, die dem Vier- bis Achtfachen des eigenen Körpergewichts entsprechen können. Trotz dieser Robustheit ist sie verletzungsanfällig – besonders unter bestimmten Bedingungen.

Eine vollständige Ruptur passiert selten aus dem Nichts. Meistens gibt es eine Vorgeschichte. Typische Risikofaktoren sind:

  • Schnelle Kilometererhöhungen ohne ausreichende Anpassungszeit
  • Schwache oder untrainierte Wadenmuskulatur
  • Eine bereits bestehende oder schlecht ausgeheilte Achillessehnentendinopathie
  • Wettkampfeinsätze mit maximaler Intensität, besonders ohne ausreichendes Aufwärmen
  • Höheres Alter, da Sehnengewebe mit den Jahren weniger elastisch wird
  • Bestimmte Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone, die die Sehnenstruktur schwächen können

Der eigentliche Riss tritt oft bei einer explosiven Belastung auf – einem schnellen Sprint, einem harten Abdruck bergauf oder einem plötzlichen Richtungswechsel. Das charakteristische Gefühl wird von Betroffenen fast immer gleich beschrieben: ein harter Schlag oder Tritt gegen die Rückseite des Unterschenkels, gefolgt von dem Gedanken, jemand anderes wäre schuld. Kurz danach folgen Schmerz, Schwellung und die Unfähigkeit, sich normal auf dem Fuß abzustoßen.

Warnzeichen, die du nicht ignorieren solltest

Eine vollständige Ruptur ist dramatisch und meist eindeutig. Aber der Weg dahin verläuft oft schleichend. Die meisten Läufer, die eine Achillessehnenruptur erleiden, hatten zuvor schon Beschwerden – und haben sie ignoriert oder falsch eingeschätzt. Das ist der entscheidende Punkt, an dem du eingreifen kannst.

Achte auf diese Warnsignale:

  • Morgendliche Steifigkeit oder Schmerzen in der Achillessehne, die sich nach ein paar Schritten bessern
  • Druckschmerz direkt an der Sehne, besonders zwei bis sechs Zentimeter oberhalb des Fersenbeins
  • Schwellung oder ein verdicktes Gefühl in der Sehne
  • Schmerzen beim Zehenstand oder beim Abdrücken
  • Beschwerden, die nach dem Laufen zunehmen statt abnehmen

Diese Symptome deuten auf eine Achillessehnentendinopathie hin. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein klarer Auftrag zum Handeln. Wer jetzt konsequent trainiert und lädt, senkt das Rupturrisiko erheblich. Wer weitermacht wie bisher, erhöht es. Die Sehne schickt dir eine Nachricht – hör hin. Ähnlich überhörte Warnsignale können, wie das Beispiel einer Ultraläuferin mit Beininfekt zeigt, schwerwiegende Folgen haben.

Bei einer tatsächlichen Ruptur ist das Bild eindeutiger. Neben dem beschriebenen Trittgefühl kannst du oft eine tastbare Delle in der Sehne spüren. Der sogenannte Thompson-Test ist ein einfacher Hinweis: Wenn du auf dem Bauch liegst und jemand die Wade drückt, ohne dass sich der Fuß bewegt, ist das ein starkes Zeichen für eine komplette Ruptur. In dem Fall: sofort zum Arzt, keine Ausreden.

Rehabilitation und Rückkehr zum Laufen: Was die Evidenz sagt

Eine vollständige Achillessehnenruptur bedeutet fast immer eine Operation – zumindest bei aktiven Läufern, die wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zurückkehren wollen. Nach dem Eingriff beginnt ein langer Prozess. Die evidenzbasierte Rückkehr zum Laufen dauert in der Regel sechs bis zwölf Monate, je nach Schweregrad der Ruptur und wie konsequent du die Rehabilitation durchziehst.

Der aktuelle Goldstandard in der Achillessehnenreha sind progressive Belastungsprotokolle. Das bedeutet: kein passives Ruhigstellen über Wochen, sondern gezieltes, stufenweises Belasten der heilenden Sehne. Exzentrische und isometrische Wadenübungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Die klassische Progression sieht ungefähr so aus:

  • Phase 1 (Wochen 1 bis 6): Entlastung mit Orthese oder Gips, erste passive Bewegung, isometrische Übungen
  • Phase 2 (Wochen 6 bis 12): Beginn mit zweibeinigem Zehenstand, schrittweise Steigerung zur einbeinigen Variante
  • Phase 3 (Monate 3 bis 6): Einbeinige Calf Raises mit Gewicht, Gleichgewichtsarbeit, erstes Gehen ohne Hilfsmittel
  • Phase 4 (Monate 6 bis 9): Laufspezifisches Training, erste kurze Laufintervalle, Temposteigerung
  • Phase 5 (Monate 9 bis 12): Rückkehr zum normalen Lauftraining, vorsichtiger Wiedereinstieg ins Wettkampfgeschehen

Entscheidend ist die Stärke der Wadenmuskulatur am Ende der Rehabilitation. Studien zeigen, dass viele Läufer zu früh zurückkehren, weil der Schmerz weg ist – aber die Kraft noch nicht ausreicht. Ein guter Richtwert: Du solltest einbeinige Calf Raises mit dem betroffenen Bein genauso sauber und genauso oft ausführen können wie mit dem gesunden Bein, bevor du mit dem Laufen anfängst.

Assefas spektakuläres Zieleinlaufen sollte dich nicht täuschen. Spitzensportler haben ein Team aus Medizinern, Physiotherapeuten und Trainern, das solche Entscheidungen begleitet. Als Freizeitläufer hast du das in dieser Form nicht. Und du brauchst deine Achillessehne noch für viele weitere Jahre und viele weitere Läufe – darunter vielleicht auch deinen nächsten Marathon, bei dem neue Erkenntnisse zur Trainingsbelastung helfen können, Verletzungen von vornherein zu vermeiden. Stopp sofort, wenn du den Verdacht hast. Alles andere kostet dich am Ende mehr Zeit als du sparst.