Was die neue Studie über Schrittfrequenz und Verletzungsrisiko sagt
Ein systematisches Review, das kürzlich im Fachjournal Cureus veröffentlicht wurde, hat die Datenlage zur Laufkadenz und Verletzungsprävention ausgewertet. Das Ergebnis ist klarer als erwartet: Wer mit einer Schrittfrequenz unter 170 Schritte pro Minute läuft, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko für bestimmte Überlastungsschäden. Besonders betroffen sind das patellofemorale Schmerzsyndrom und Ermüdungsfrakturen der Tibia.
Der Mechanismus dahinter ist biomechanisch gut erklärbar. Eine niedrige Kadenz geht fast immer mit einer längeren Schrittlänge einher. Das bedeutet, der Fuß landet weiter vor dem Körperschwerpunkt, was die Bremskräfte beim Aufprall erhöht. Die Studie zeigt, dass eine Erhöhung der Kadenz um zehn Prozent die Aufprallkräfte im Rückfußbereich um durchschnittlich 81 Newton senkt und die Schrittlänge um etwa 17 Zentimeter verkürzt. Das klingt abstrakt, ist aber in der Praxis eine erhebliche Entlastung für Knie, Schienbein und Hüfte.
Was die Forschung auch zeigt: Der Effekt ist nicht linear und nicht universell. Kadenz interagiert mit deiner Laufgeschwindigkeit, deiner Beinlänge und deinem Trainingszustand. Die Zahl 170 ist kein magischer Schwellenwert, sondern ein statistischer Orientierungspunkt. Wer 1,90 Meter groß ist, wird eine andere optimale Kadenz haben als jemand, der 1,65 Meter misst. Das Prinzip bleibt trotzdem gültig.
Schrittfrequenz erhöhen, ohne die Laufökonomie zu ruinieren
Einer der häufigsten Einwände gegen Kadenzanpassungen lautet: "Dann muss ich doch mehr Schritte machen und verbrauche mehr Energie." Das Review räumt mit diesem Mythos auf. Eine moderate Erhöhung der Kadenz um fünf bis zehn Prozent erhöht den Sauerstoffverbrauch nicht messbar. In einigen Fällen verbessert sie die Laufökonomie sogar, weil die Bewegungseffizienz durch den kürzeren Hebel steigt und weniger Bremsarbeit geleistet wird.
Das gilt allerdings nur innerhalb eines bestimmten Rahmens. Wer seine Kadenz von 160 auf 200 Schritte pro Minute hochschraubt, wird sehr wohl mehr Energie verbrauchen und sich außerdem unnatürlich fortbewegen. Der Punkt ist, dass kleine, gezielte Anpassungen im Bereich von fünf bis zehn Prozent metabolisch neutral sind und biomechanisch sinnvoll bleiben. Das gibt Läuferinnen und Läufern einen konkreten Spielraum, den sie ohne Leistungsverlust nutzen können.
Wichtig zu verstehen ist auch, dass eine höhere Kadenz nicht automatisch einen kürzeren Schritt bedeutet, der dich langsamer macht. Wenn du die Frequenz erhöhst und gleichzeitig den Hüfteinsatz beibehältst, kannst du dein Tempo halten oder sogar steigern. Der Schritt wird effizienter, nicht kleiner im schlechten Sinne. Das ist der Kern des biomechanischen Arguments.

Wie du deine Kadenz findest und gezielt veränderst
Bevor du irgendetwas veränderst, musst du wissen, wo du gerade stehst. Die einfachste Methode: Zähle bei deinem nächsten Lauf dreißig Sekunden lang, wie oft dein rechter Fuß aufsetzt, und multipliziere die Zahl mit vier. Das gibt dir deine aktuelle Kadenz in Schritten pro Minute. Alternativ übernehmen das GPS-Uhren von Garmin, Polar oder Coros automatisch. Suunto und Apple Watch können das ebenfalls, je nach Modell und Einstellung.
Wenn deine Kadenz unter 170 liegt und du Verletzungen vorbeugen willst, ist eine schrittweise Erhöhung sinnvoll. Beginne mit fünf Prozent über deiner aktuellen Frequenz. Wenn du bei 162 bist, zielst du auf etwa 170 ab. Das klingt wenig, aber dein neuromuskuläres System braucht Zeit, um sich anzupassen. Plane vier bis sechs Wochen ein, bevor du den nächsten Schritt machst.
Das effektivste Werkzeug für diese Anpassung ist auditorisches Cueing, also das Laufen nach einem Metronom-Takt. Apps wie Metronome Beats, Run to the Beat oder die integrierte Kadenzfunktion in Spotify-Trainingslisten funktionieren gut. Studien zeigen eindeutig, dass verbale Anweisungen wie "mach schnellere Schritte" ohne akustisches Feedback kaum wirken. Dein Gehirn braucht einen konkreten externen Rhythmus, um das Bewegungsmuster nachhaltig zu verändern. Einige Läufer nutzen auch Musik, die auf eine bestimmte BPM-Zahl gematcht ist, was psychologisch einfacher durchzuhalten ist als ein nüchterner Metronom-Klick.
- Schritt 1: Aktuelle Kadenz messen, entweder manuell oder per GPS-Uhr
- Schritt 2: Zielkadenz festlegen, maximal fünf bis zehn Prozent über dem aktuellen Wert
- Schritt 3: Metronom-App oder BPM-Musik als akustischen Anker nutzen
- Schritt 4: Kadenztraining zunächst nur bei leichten, kurzen Einheiten einsetzen
- Schritt 5: Nach vier bis sechs Wochen neu messen und bei Bedarf weiter anpassen
Was die Forschung noch nicht beantworten kann
Das Review ist gut, aber es hat blinde Flecken, die du kennen solltest. Die meisten eingeschlossenen Studien sind kurzfristiger Natur und messen biomechanische Größen wie Aufprallkräfte, Kniewinkel oder Schrittlänge. Sie zeigen, dass sich diese Parameter durch Kadenzanpassung verbessern lassen. Was sie nicht zeigen können: ob das langfristig tatsächlich zu weniger Verletzungen im klinischen Sinne führt.
Das ist kein Argument gegen die Kadenzoptimierung, aber es ist ein Argument für Nüchternheit. Die biomechanische Plausibilität ist stark. Die epidemiologischen Langzeitdaten fehlen noch. Wer mit einer konkreten Verletzung zu kämpfen hat, zum Beispiel mit chronischem Patellafersenschmerz oder wiederkehrenden Stressfrakturen, sollte Kadenzarbeit als einen Baustein unter mehreren betrachten, nicht als alleinige Lösung.
Außerdem gilt: Die optimale Kadenz ist keine universelle Zahl. Neben Körpergröße und Beinlänge spielen auch Laufgeschwindigkeit und Geländetyp eine Rolle. Bei Bergläufen verändert sich die natürliche Kadenz ohnehin, weil Schrittlänge und Tempo zwangsläufig angepasst werden. Die 170-Schritte-Grenze ist ein sinnvoller Ausgangspunkt für Läufer im mittleren Tempobereich, kein Dogma für jede Situation. Nutze die Zahl als Orientierung, nicht als starres Ziel.
Was das Review trotz seiner Einschränkungen leistet: Es gibt Trainern und Athleten erstmals eine evidenzbasierte, konkrete Handlungsgröße. Biomechanische Risikofaktoren lassen sich jetzt nicht mehr nur vage beschreiben, sondern mit einer messbaren Frequenz verknüpfen. Das ist ein echter Fortschritt für die Praxis.
