Mehr Schlaf, weniger Bewegung: Was die Forschung wirklich sagt
Eine neue Studie der Universität Turku, veröffentlicht am 23. September 2026, liefert Zahlen, die das gängige Bild vom gesunden Homeoffice ordentlich ins Wanken bringen. Remote-Arbeitstage gehen zwar mit etwas mehr Schlaf einher. Gleichzeitig verbringen Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, deutlich mehr Zeit im Sitzen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Büro.
Das klingt zunächst nach einem fairen Tausch. Mehr Erholung gegen weniger Bewegung. Doch der Körper funktioniert nicht nach diesem Prinzip. Schlaf und körperliche Aktivität gleichen sich nicht gegenseitig aus, sie bedienen völlig unterschiedliche physiologische Systeme. Wer gut schläft, aber den ganzen Tag sitzt, löst damit kein Gesundheitsproblem, sondern verschiebt es nur.
Die finnischen Forschenden haben außerdem zwei konkrete strukturelle Ursachen identifiziert, die erklären, warum Remote-Arbeitende so viel mehr sitzen. Erstens: Zuhause fehlt in den meisten Fällen ein höhenverstellbarer Schreibtisch oder eine andere Form der aktiven Arbeitsstation. Zweitens: Der Weg zur Arbeit entfällt vollständig, und mit ihm die sogenannte Incidental Movement, also die beiläufige Bewegung, die im Alltag einfach so passiert. Wer das Büro nicht mehr aufsucht, geht keine Treppen mehr, läuft nicht mehr zur U-Bahn und bewegt sich insgesamt deutlich weniger, ohne es überhaupt zu merken.
Das Sitzproblem ist grosser als du denkst
Bereits vor dieser Studie hat keedia in eigenen Analysen gezeigt, dass Büroarbeitende durchschnittlich 76 Prozent des Tages im Sitzen verbringen. Das ist schon ohne Homeoffice ein alarmierender Wert. Die Turku-Daten legen nahe, dass Remote-Arbeitende diese Zahl noch weiter nach oben treiben könnten. Wer von zu Hause aus arbeitet, hat keine kurzen Flure, keine Meetingräume, die man zu Fuß erreicht, und keine Kolleginnen, die einen beim Vorbeigehen kurz zum Aufstehen bringen.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt. Im Büro gibt es natürliche soziale Unterbrechungen: jemand fragt etwas, man geht gemeinsam zum Kaffeeautomaten, das Gespräch zwingt einen aus dem Stuhl. Zuhause fallen diese kleinen Impulse komplett weg. Die Folge ist ein durchgehender, fast ununterbrochener Sitzmodus, der sich über Stunden erstreckt, ohne dass man es aktiv wahrnimmt.
Chronisches Sitzen ist kein Komfortproblem. Es ist mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Rückenschmerzen und sogar kognitiven Einschränkungen verbunden. Die Forschung dazu ist eindeutig. Und wer glaubt, ein abendlicher Lauf reicht als Ausgleich für acht Stunden am Schreibtisch, irrt sich. Studien zeigen, dass langes ununterbrochenes Sitzen eigenständige Gesundheitsrisiken erzeugt, unabhängig davon, wie aktiv jemand in der Freizeit ist.
Was du konkret dagegen tun kannst
Die Forschenden der Universität Turku sind nicht nur bei der Problembeschreibung stehen geblieben. Sie empfehlen drei Minimalmaßnahmen, die jede und jeder sofort umsetzen kann:
- Regelmäßige Sitzpausen einplanen. Mindestens alle 30 Minuten kurz aufstehen, auch wenn es nur für eine Minute ist. Ein Timer am Laptop oder eine Smartwatch-Erinnerung hilft dabei, diesen Rhythmus einzuhalten.
- Haltungswechsel über den Tag verteilen. Nicht nur zwischen Sitzen und Stehen wechseln, sondern auch die Körperhaltung variieren. Kurz auf dem Boden sitzen, auf einem Balancekissen arbeiten oder im Stehen telefonieren sind einfache Möglichkeiten dazu.
- Bewusste Bewegung in der Freizeit fest einplanen. Da der Weg zur Arbeit als Bewegungsquelle entfällt, muss dieser Ausfall durch gezielte Aktivität ersetzt werden. Ein kurzer Spaziergang pro Arbeitsstunde ist dabei keine nette Ergänzung, sondern eine direkte funktionale Notwendigkeit.
Darüber hinaus lohnt es sich, den eigenen Arbeitsplatz kritisch zu hinterfragen. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch ist keine Luxusausstattung mehr. Er ist ein funktionales Werkzeug, das den Unterschied zwischen einem gesunden und einem schädlichen Arbeitstag ausmachen kann. Die Anschaffungskosten beginnen bei etwa 300 bis 500 Euro für solide Einsteigermodelle und sind damit überschaubar, gemessen an dem, was chronisches Sitzen langfristig kostet.
Wer mit dem Gedanken spielt, einen Treadmill Desk oder einen Under-Desk-Bike zu nutzen, trifft ebenfalls eine kluge Entscheidung. Diese Geräte erlauben es, während leichter kognitiver Aufgaben in Bewegung zu bleiben, ohne die Konzentration wesentlich zu beeinträchtigen. Gerade für Aufgaben wie E-Mails lesen, Meetings verfolgen oder Texte strukturieren eignen sie sich gut.
Was HR-Abteilungen jetzt angehen müssen
Die Ergebnisse aus Turku haben eine klare betriebliche Dimension. Unternehmen, die Homeoffice erlauben oder aktiv fördern, tragen eine Mitverantwortung für die körperliche Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Die klassische Homeoffice-Ausstattungspolitik konzentriert sich bislang auf Bildschirme, Stühle und Beleuchtung. Das reicht nicht mehr.
Wer eine Duty-of-Care-Verantwortung ernst nimmt, muss aktive Arbeitsstationen explizit in die Equipment-Richtlinien aufnehmen. Das bedeutet konkret: Stipendien oder direkte Bezuschussung für höhenverstellbare Schreibtische, Stehmatte, Under-Desk-Bikes und vergleichbare Produkte. Einige Unternehmen in Skandinavien und den Niederlanden machen das bereits. Sie behandeln den Homeoffice-Arbeitsplatz wie eine Filiale des Büros, mit denselben ergonomischen Standards.
Das schützt nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden. Es reduziert auch krankheitsbedingte Ausfälle, verbessert die Konzentrationsfähigkeit und senkt langfristig die Kosten im Bereich betriebliches Gesundheitsmanagement. Unternehmen, die jetzt in aktive Homeoffice-Ausstattung investieren, treffen eine Entscheidung mit messbarem Return on Investment.
Die Debatte rund um Remote Work hat sich lange um Isolation, Kommunikation und Work-Life-Balance gedreht. Diese Themen bleiben relevant. Aber die Studie aus Turku zeigt, dass es ein handfestes, messbares Problem gibt, das bislang zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Körperliche Inaktivität durch strukturelle Faktoren ist kein individuelles Versagen. Es ist ein systemisches Problem, das systemische Lösungen braucht. Und das ist eine gute Nachricht: Denn systemische Probleme lassen sich mit den richtigen Richtlinien tatsächlich lösen.