Nutrition

60 oder 120 g Carbs pro Stunde: Was stimmt?

Die 60g-Grenze gilt nur für einzelne Kohlenhydratquellen. Mit Glucose und Fructose im 2:1-Verhältnis sind bis zu 120g/h möglich – wenn der Darm trainiert ist.

Runner's hand squeezing an energy gel mid-effort, captured in warm golden-hour light.

Die 60-Gramm-Grenze: Ein Mythos, der sich hartnäckig hält

Jahrelang galt unter Ausdauersportlern eine eherne Regel: Mehr als 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde kann der Körper schlicht nicht verwerten. Wer es trotzdem versuchte, wurde mit Magenprobleme bestraft. Die Zahl fand ihren Weg in Wettkampfpläne, Ernährungsberatungen und Produktformulierungen. Sie ist nicht falsch. Aber sie erzählt nur die halbe Geschichte.

Das entscheidende Detail steckt in der Formulierung: Diese Grenze gilt für Einfachzucker aus einer einzigen Quelle, also zum Beispiel reines Glucose. Der Grund ist physiologisch: Glucose wird im Dünndarm über einen bestimmten Transporter namens SGLT1 aufgenommen. Dieser Transporter ist bei etwa 60 Gramm pro Stunde gesättigt. Mehr Glucose schickst du rein, mehr bleibt unverdaut im Darm und verursacht Beschwerden.

Was die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte gezeigt hat, ist, dass der Darm über weitere Transportwege verfügt. Fructose nutzt einen anderen Transporter, nämlich GLUT5. Kombinierst du beide Zuckerarten, kannst du zwei parallele Aufnahmewege gleichzeitig auslasten. Das ist keine Ernährungsspielerei. Das ist Biochemie.

Glucose plus Fructose: Warum das 2:1-Verhältnis funktioniert

Die Kombination aus Glucose und Fructose im Verhältnis 2:1 ist inzwischen gut belegt. Studien, darunter wegweisende Arbeiten von Asker Jeukendrup und seinem Team, zeigen, dass trainierte Athleten mit dieser Kombination bis zu 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde oxidieren können. Das entspricht einer deutlich höheren Energieverfügbarkeit und wirkt sich direkt auf Leistung und Ermüdungsresistenz aus. Wie der Radsport diese Präzisionsstrategie entwickelt hat, zeigt, wie lange dieser Prozess in der Praxis gedauert hat.

In der Praxis bedeutet das: Du brauchst Produkte oder eine Eigenkomposition, die beide Zuckerarten enthalten. Viele moderne Sportgels und -getränke setzen bereits auf Maltodextrin als Glucosequelle und Fructose als zweite Komponente. Schaust du auf die Zutatenliste und findest nur "Glukosesirup" oder "Dextrose", arbeitest du möglicherweise mit einer veralteten Formel.

Wichtig zu verstehen: Die 120-Gramm-Marke ist kein Freifahrtschein für alle. Sie gilt für trainierte Ausdauersportler, deren Verdauungssystem an hohe Belastung und regelmäßige Kohlenhydratzufuhr gewöhnt ist. Wer dreimal die Woche joggt, braucht diese Mengen nicht. Und selbst Leistungssportler kommen ohne gezieltes Darmtraining nicht dahin.

Wann sich der Aufwand wirklich lohnt: Wettkampfdauer als entscheidender Faktor

Die höhere Kohlenhydratzufuhr entfaltet ihren vollen Nutzen erst bei Belastungen von 2,5 Stunden oder länger. Bei kürzeren Einheiten sind die Glykogenspeicher in der Regel noch ausreichend gefüllt, und der Körper kann ohne aggressive externe Zufuhr auskommen. Anders sieht es bei einem Marathon, einem langen Trailrun oder einem HYROX-Doubles-Wettkampf aus.

Bei diesen Distanzen ist der Glykogenmangel nicht nur eine Theorie. Er ist die Ursache für das berüchtigte "Bonking". Bleibst du konsequent im Bereich von 90 bis 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde, verzögerst du diesen Einbruch oder vermeidest ihn ganz. Mehrere Feldstudien mit Marathonläufern und Triathleten bestätigen, dass eine höhere Kohlenhydratrate die Pace in den letzten 30 bis 40 Prozent des Wettkampfs stabilisiert.

Für die Praxis heißt das: Plane deine Verpflegungsstrategie nach der geplanten Wettkampfdauer. Bei einem Halbmarathon mit einer Zielzeit unter 1:45 Stunden reichen 60 Gramm pro Stunde problemlos. Läufst du einen Ultratrail mit acht oder mehr Stunden Belastung, wird jede eingesparte Energie zu einem Faktor. Hier wird die Fähigkeit, Kohlenhydrate schnell zu verwerten, zum echten Wettbewerbsvorteil — und eine reine Zuckerstrategie beim Ultratrail kann dabei mehr schaden als nützen.

  • Unter 90 Minuten: 30 bis 60 g/h genügen in den meisten Fällen
  • 90 Minuten bis 2,5 Stunden: 60 bis 90 g/h als sinnvoller Zielkorridor
  • Über 2,5 Stunden: bis zu 120 g/h möglich, wenn Darmtraining erfolgt ist

Darmtraining und Zone 2: Die zwei Säulen hinter der Strategie

Wer jetzt direkt bei seinem nächsten langen Lauf auf 120 Gramm pro Stunde umsteigt, wird sehr wahrscheinlich eine unangenehme Erfahrung machen. Magen-Darm-Probleme sind der häufigste Grund, warum Athleten trotz guter Versorgungsstrategie ihre Leistung nicht abrufen können. Der Darm ist trainierbar. Aber er braucht Zeit.

Starte in langen Trainingseinheiten mit 60 Gramm pro Stunde und steigere die Menge über Wochen schrittweise. Manche Athleten benötigen vier bis sechs Wochen, andere zehn Wochen oder länger, bis der Magen-Darm-Trakt zuverlässig mit höheren Mengen zurechtkommt. Diese Adaption betrifft sowohl die Transportkapazität im Dünndarm als auch die subjektive Verträglichkeit von Kohlenhydraten unter Belastung. Wie du diesen Prozess den Darm systematisch auf Wettkämpfe vorbereiten kannst, lässt sich gezielt angehen.

Parallel dazu bleibt Zone-2-Training ein fester Bestandteil des Gesamtbilds. Nicht als Alternative zur Kohlenhydratstrategie, sondern als Ergänzung. Wer seinen aeroben Grundlagenbereich systematisch entwickelt, verbessert die Fettoxidation. Das bedeutet: Bei gleicher Intensität verbrennt ein gut trainierter Athlet mehr Fett und schont damit seine Kohlenhydratspeicher. Die externe Zufuhr muss dann weniger leisten, und die gesamte Energieverwaltung läuft stabiler.

Der Denkfehler wäre, beides gegeneinander auszuspielen. Zone-2-Kapazität und hocheffiziente Kohlenhydrataufnahme schließen sich nicht aus. Sie addieren sich. Ein Athlet mit guter Fettverbrennungsbasis und einem trainierten Darm, der 100 bis 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde verarbeiten kann, hat in langen Wettkämpfen einen doppelten Puffer. Das ist kein theoretisches Konzept, sondern die Realität in der Vorbereitung vieler Profi-Ausdauersportler heute.