Nutrition

Von Steak zu 120g/h: Wie Cycling die Sporternährung neu schrieb

Vom Steak zur Präzisionsstrategie: Wie der Radsport die Sporternährung revolutionierte und was Ausdauersportler aller Level daraus mitnehmen.

Cyclist reaching for an energy gel from back pocket mid-ride, with blurred peloton stretching into the distance.

Steak auf dem Sattel: So haben Radprofis früher gegessen

Stell dir vor: Es ist 1930, die Tour de France ist in vollem Gange, und ein Fahrer hält an einem Straßenrestaurant, um ein Steak zu essen. Kein Witz. In den frühen Jahrzehnten des Profiradsports gehörten feste Mahlzeiten mitten in mehrstündigen Etappen zur normalen Verpflegung. Brot, Käse, manchmal Alkohol als vermeintliches Schmerzmittel.

Das klingt absurd aus heutiger Sicht. Doch die Fahrer damals hatten schlicht keine andere Grundlage. Das Konzept des Glykogens, also des gespeicherten Zuckers in Muskeln und Leber, war in der Sportwissenschaft noch nicht angekommen. Wer hungrig wurde, aß. Wer müde wurde, kämpfte. Die Vorstellung, dass der Körper bei anhaltender Belastung an einem biochemischen Engpass scheitert, war schlicht unbekannt.

Alkohol galt sogar als leistungsfördernd. Cognac gegen den Schmerz, Bier für die Kalorien. Manche Fahrer rauchten während Pausen. Die Logik war rein intuitiv: Was dem Körper gut anfühlt, kann nicht falsch sein. Dass diese Strategien systematisch Leistung kosteten, konnte niemand messen. Es gab keine Werte, keine Protokolle, kein Labor auf der Strecke.

Die Kohlenhydratwende: Was die Wissenschaft der 80er verändert hat

Der Wendepunkt kam nicht über Nacht, aber er kam schnell. In den 1980er-Jahren begannen Sportwissenschaftler, Glykogens Rolle bei Ausdauerleistungen systematisch zu untersuchen. Die entscheidende Erkenntnis: Wenn die Glykogenspeicher leer sind, bricht die Leistung ein. Was Radfahrer als "den Mann mit dem Hammer" kannten, hatte jetzt einen Namen und eine Erklärung.

Gleichzeitig entwickelten sich die ersten kommerziellen Sportgetränke. Forscher wie David Costill zeigten, dass Kohlenhydratzufuhr während der Belastung die Ausdauerleistung messbar verbessert. Das war keine Kleinigkeit. Es bedeutete, dass Ernährung nicht nur eine Frage der Regeneration war, sondern ein aktives Leistungswerkzeug während des Sports selbst.

Der Profiradsport adaptierte schnell. Riemen an Rennrädern wurden für Musettaschen optimiert, Betreuer reichten gezielt Gel-Vorläufer und zuckerreiche Getränke. Bis in die 1990er-Jahre war die Empfehlung von etwa 60 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde der neue Standard. Ein riesiger Sprung gegenüber dem Steak an der Straße. Aber erst der Anfang.

120 Gramm pro Stunde: Die Präzisionsformel des modernen Radsports

Heute bewegen sich die besten Fahrer der Welt in einem Bereich, der vor zwanzig Jahren als physiologisch unmöglich galt: 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde, kontinuierlich über mehrere Stunden. Das entspricht etwa einem Gel alle 20 Minuten plus einem kohlenhydratreichen Getränk, konsequent über eine ganze Etappe.

Der Schlüssel zu dieser Menge liegt in der Mischung. Glucose allein hat eine Aufnahmekapazität von rund 60 Gramm pro Stunde. Das liegt am sogenannten SGLT1-Transporter im Dünndarm, der schlicht gesättigt wird. Wird jedoch Fructose hinzugefügt, die einen anderen Transporter nutzt (GLUT5), lässt sich die Gesamtmenge nahezu verdoppeln. Multiple-Transporter-Kohlenhydrate, meist in einem Verhältnis von 1:0,8 oder 2:1 zwischen Glucose und Fructose, sind deshalb heute das Fundament jeder Elite-Strategie im Ausdauersport.

Dieses Wissen hat längst den Radsport verlassen. Triathleten auf der Langdistanz, Trailrunner bei Ultrarennen, sogar Spieler in Mannschaftssportarten bei langen Wettkämpfen. Alle profitieren von denselben biochemischen Grundlagen. Das Prinzip ist universell: Wer mehrere Transporter gleichzeitig aktiviert, kann mehr Energie aufnehmen, ohne die Leber oder den Darm zu überlasten. Wer ausschließlich auf Gels und Zucker setzt, sollte die Risiken reiner Zuckerstrategien bei Ausdauerrennen kennen.

Dein Darm ist trainierbar: Das unterschätzte Kapitel der Sporternährung

Hier kommt ein Punkt, den viele Hobbyathleten übersehen: 120 Gramm pro Stunde funktionieren nicht einfach so. Wer bislang mit einem Gel und einem Schluck Wasser ausgekommen ist und plötzlich die doppelte oder dreifache Menge versucht, wird das Ergebnis auf dem Weg, nicht im Ziel erleben. Übelkeit, Krämpfe, ein kollabierendes Rennen.

Der Magen-Darm-Trakt ist ein Organ wie jedes andere. Er passt sich an, wenn er regelmäßig trainiert wird. Gastric Emptying, also die Magenentleerungsrate, und die Absorptionskapazität im Dünndarm lassen sich durch konsequente Praxis verbessern. Wer in jedem langen Training gezielt Kohlenhydrate zuführt, verbessert über Wochen und Monate seine Toleranz erheblich.

Das bedeutet konkret: Fang mit 60 Gramm pro Stunde an, arbeite dich schrittweise hoch, und führe Wettkampfnahrung ausschließlich in Belastungen ein, nie erstmals beim Rennen selbst. Dieser Grundsatz gilt für Profis genauso wie für alle, die einen Marathon, eine Granfondo oder einen Triathlonwettkampf ernährungstechnisch vorbereiten.

Ein praktischer Einstieg sieht so aus:

  • Trainingseinheiten über 90 Minuten: ab der ersten Stunde aktiv Kohlenhydrate zuführen, nicht erst beim Hungergefühl
  • Produktwahl: auf Multiple-Transporter-Produkte achten, die Glucose und Fructose kombinieren
  • Flüssigkeit: Kohlenhydrate ohne ausreichend Wasser verlangsamen die Magenentleerung und erhöhen das Unwohlsein
  • Steigerung: alle zwei bis vier Wochen um 10 bis 15 Gramm pro Stunde erhöhen, sofern gut verträglich

Was Hobbyathleten direkt mitnehmen können

Du musst kein Tour-de-France-Fahrer sein, um von dieser Entwicklung zu profitieren. Wenn du Ereignisse mit einer Dauer über 90 Minuten bestreitest, und das schließt einen Halbmarathon mit schlechtem Tag, eine längere Radausfahrt oder einen Berglauf ein, dann ist deine Kohlenhydratstrategie wahrscheinlich der größte ungehobene Hebel in deiner Vorbereitung.

Studien zeigen klar: Bereits bei 60 bis 90 Gramm pro Stunde mit einer Glucose-Fructose-Kombination übertriffst du die Leistung einer Single-Source-Strategie mit reiner Glucose um mehrere Prozent. Das klingt bescheiden, entspricht aber im echten Rennen mehreren Minuten auf der Uhr. Für Altersklassenathleten, die monatelang trainieren, ist das ein relevanter Unterschied.

Der kulturelle Wandel im Radsport von der Steakpause zur Milliliter-genauen Gelstrategie ist nicht nur eine Geschichte der Profis. Er ist eine Geschichte darüber, wie systematisches Wissen eine ganze Sportkultur verändert hat. Und das Beste daran: Die Erkenntnisse sind heute für jeden zugänglich, der bereit ist, seinen Darm so konsequent zu trainieren wie seine Beine.